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Der Balkan ist rehabilitiert

Juli 19, 2018

Kroatien, Sieger der Herzen an der Fussballweltmeisterschaft 2018.

Alle hätten den kleinen Land mit den grossen Kämpferherzen den Sieg gegönnt! Ich erlebe gerade eine Welle der Zuneigung und Unterstützung für Kroatien, und das berührt mich sehr. Es ist fast wieder wie früher.

Die Menschen freuen sich auf Ferien in Kroatien. Und falls sie keine vorhaben, so wollen sie das unbedingt mal nachholen. Die Menschen schwärmen von Dubrovnik, von Split, von Hvar, von der schönen kroatischen Meeresküste.

Meine Wurzeln liegen dort. Meine Eltern kommen aus verschiedenen Gegenden des ehemaligen Jugoslawien, darum fühle ich mich nach dem Krieg auch nirgends zugehörig. Ich fühlte mich eigentlich auch vor dem Krieg nirgends zugehörig. Ich habe den Schweizer Pass, und nur den Schweizer Pass, und das ist gut so. Seit gut 20 Jahren wollen alle, dass ich mich irgendwie bekenne, aber das kann ich nicht. Ich wüsste auch nicht mal, welchen anderen Pass ich jemals hätte beantragen sollen – und wozu? Ich bin Schweizerin. Ich lebe hier, und ich liebe es hier.

Als ich ein Kind war, fanden die Menschen Jugoslawien toll. Sie freuten sich auf Ferien dort. Und falls sie keine vorhatten, so wollten sie das unbedingt mal nachholen. Jugoslawien war dort, wo Winnetou gedreht wurde, die Sprache fanden die Schweizer interessant, wir waren Exoten.

Mit dem Krieg kippte alles. „Jugo“ verkam zum Schimpfwort. Flüchtlinge strömten aus den Kriegsgebieten in die Schweiz, und das passte des Menschen hier gar nicht. Plötzlich fand niemand mehr die Jugos toll. Ich erntete entsetzte Blicke, wenn man  mich fragte, woher ich eigentlich ursprünglich käme. Und einige sagten gerade heraus: So siehst du aber gar nicht aus.

Doch, tue ich imfall. Aber egal.

In den 90ern musste man sich schämen, vom Balkan zu sein. Die Jugos waren Abschaum. Der Krieg schwemmte die sozial Schwächsten an, und das gab den Schweizern ein verzerrtes Bild. Aber vielleicht war auch das gar nicht der Grund. In meiner Kindheit waren es die Italiener, dann die Tamilen, es folgten die Jugos, die Albaner, und heute sind es wieder andere, von denen sich so viele gestört fühlen.

Nun wendet sich das Blatt für den Balkan allmählich wieder. Die Jugos, vor allem die Kroaten, gewinnen wieder an Boden. Und an Sympathie.

Zu Recht. Nirgends begegnen mir grosszügigere, herzlichere und hilfsbereitere Menschen als im Balkan. Meine Verwandtschaft ist über mehrere neue Länder hinweg verteilt – ich nenne sie immer noch Jugos. Sie sind laut und fröhlich, sie geben dir ihr letztes Hemd, sie füttern dich bis zu platzt, und sie singen und tanzen zuhause rund um den Tisch.

So bin ich hier in der Schweiz aufgewachsen. Mit Eltern, die viel Liebe zu geben hatten und dies immer wieder mit Worten und Umarmungen und Schmatzern kundtaten. Eltern, die ständig die Bude voll mit Freunden hatten, und mit ihnen zusammen lautstark Lieder johlten, wofür ich mich grausam geschämt hatte. Bei uns wurde viel gelacht, viel gegessen, viel geteilt. Für diese grossen Herzen, die mich stark gemacht haben, werde ich ewig dankbar bleiben.

Diese grossen Herzen haben alle an der Fussballweltmeisterschaft sehen können. Im Spiel waren es Kämpferherzen. Und nur so können Menschen einander von sich überzeugen, durch ihre Herzen, nicht durch ihren Pass.

 

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