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Einseitige Freundschaften

November 7, 2016

Claudia schwang sich auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Heimweg, sie fühlte sich erschreckend leer. Sie hatte gerade ihre Freundin auf einen Kaffee getroffen und war heilfroh, dass es vorbei war. Wieder und wieder jammerte Kathrin ihr nur die Ohren voll.

Wieder war es auch eine Stunde lang nur um Kathrin gegangen. Ihre Probleme, ihr Ärger, und wie sich die ganze Welt sich gegen sie verschworen hat.

Schon lange bestand ihre Freundschaft nur noch darin, dass Claudia ihr Ohr und ihre Zeit opferte, damit Kathrin sich auskotzen konnte. Nicht ein einziges Mal ging es dabei um sie. Kathrin fragte nicht danach, und wenn sie es dann doch mal wagte, von sich erzählen zu wollen, hakte die andere nach ein paar Sätzen ein, um sich selber wieder in den Mittelpunkt des Geschehens zu bringen.

Wieso sagst du es ihr nicht? fragte ich Claudia. Bringt nichts, meinte sie. Kathrin sei einfach so. Eine Egozentrikerin durch und durch. Und wenn sie ehrlich sei, wüsste sie ja, dass sie eigentlich mit ihr fertig sei. Denn inzwischen mag sie sie nicht mal mehr. Und das ist eine schlechte Basis für eine Freundschaft.

Das ist es wohl. Ja, man muss sich definitiv mögen, um Freunde zu sein. Eine Freundschaft ist ein Miteinander und ein Füreinander. Wir alle brauchen Menschen um uns herum, denen wir vertrauen. Menschen, die uns neutraler als ein Partner spiegeln und uns unterstützen. Und dieses Vertrauen muss sich auch erst entwickeln, dazu braucht es Zeichen der Freundschaft.

Es gibt Leute, die nie von sich aus anrufen oder schreiben. Um eine Freundschaft zu haben, muss man sie aber pflegen. Das bedeutet, etwas anzureissen, sich zu treffen.

Wenn man keine Zeit hat, dann ruft man an und erkundigt sich, wie es dem anderen geht. Oder man schreibt eine Nachricht. Freundschaft pflegen heisst Zeichen geben. Freunde kümmern sich umeinander. Freunde interessieren sich füreinander. Es ist nicht die Quantität, die es ausmacht. Es ist die Qualität, das aufrichtige Wohlwollen.

Eine Freundschaft ist dazu da, das Leben zu verschönern  und zu bereichern. Wir gesellen uns zu Menschen, die uns zum Lachen bringen, uns intellektuell anregen, uns inspirieren. Freundschaften sind, wie Beziehungen, natürlich auch egoistisch – man sucht sie sich aus gutem Grund aus, weil sie einem nämlich gut tun.

Wenn das aus dem Gleichgewicht gerät, muss man etwas verändern.

Manchmal hilft ein Gespräch darüber, was man erwartet. Nicht alle investieren gleich viel in eine Freundschaft, und dann hilft es, die Zeichen deuten zu können. Manchmal muss man sich loslassen und weiterziehen. Und manchmal muss man auch bei sich selber anfangen.

Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, einer zu sein.

 

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  • Michi November 7, 2016 at 8:56 am

    Schön geschrieben, meine Liebe