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Ich, ich und nochmals ich

Januar 27, 2017

Ich habe mich mit einem alten Kollegen getroffen, den ich Jahre nicht gesehen und auf den ich mich wirklich gefreut hatte. Die Begrüssung war herzlich, und dann holte er tief Luft und redete, redete, redete, redete. Von sich. Nur von sich. Über Stunden. Es kam kaum eine Frage, kaum ein „und du?“, nur ein endloser Monolog. Über sich.

Ich bin weissgott nicht auf den Mund gefallen, aber ich hatte keine Chance. Ich kam höchstens zu kurzen Einwürfen. Er behielt das Wort, und das drehte sich ausschliesslich um ihn. Am Ende des Abends war ich total erschöpft und heilfroh, dass es zu Ende war.

Kaum war ich daheim, bekam ich ein überschwängliches SMS von ihm, wie schön doch der Abend gewesen sei und wie sehr er diese Freundschaft und mich schätze. What??! Ich hätte genau so gut ein Gebüsch gewesen sein können, ich wäre immer noch ein brillanter Freund für ihn gewesen!

Es war ein bisschen wie Sex, und nur er ist gekommen.

Es gibt Leute, die reden und reden und machen einen dabei völlig fertig. Wahrscheinlich ist es nicht mal die Menge ihres Textes, die einen so fertig macht, sondern die Tatsache, dass sie von dir Energie und Aufmerksamkeit erzwingen, während sich alles nur um sie selber dreht. Sie erzwingen quasi deinen Lichtspot für ihren Auftritt.

Alte Freunde, die man alle 10 Jahre sieht, kann man ziehen lassen. Aber wenn es sich um Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitskollegen handelt? Wie sagt man so jemandem, dass er nur von sich selber spricht?!

Natürlich ist es ok und richtig, bei Treffen von sich zu erzählen. Aber nur und ausschliesslich?

Nun, ich hab auch schon mal in einer Atempause eingeworfen „Du, frag mal, wie’s mir geht!“ was das Gegenüber natürlich enorm irritiert hat. Er hat es nicht gemerkt. Auch nach einer weiteren Erklärung nicht. Er hat dann, wie ein Laienschauspieler, einfach nachgeplappert – wie geht es dir – was komplett absurd war, denn er wollte es ja gar nicht wissen.

Es mag kein normaler Mensch von sich erzählen, wenn es den anderen nicht interessiert.

Ich komme immer mehr zum Schluss, dass klärende Gespräche hier nicht helfen. Es ist ähnlich wie bei Liebschaften, die für einen  mehr bedeuten als für den anderen: Man kann Interesse nicht einfordern. Entweder es ist da, oder nicht.

Und so entscheidet jeder für sich, wem er seine kostbare Zeit zur Verfügung stellen will.

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  • Natascha C. Januar 27, 2017 at 6:30 am

    Hahahaha… wird er es jetzt checken, dass du über i h n geschrieben hast?

    • Tamara Cantieni Januar 27, 2017 at 9:50 pm

      ich fürchte, selbst jetzt noch nicht..!! hahaha!