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Liebe ohne Sex

März 29, 2017

Hanna und Adrian sind in meinen Augen das absolute Vorzeigepaar. Sie sind seit 19 Jahren zusammen, haben 2 pubertierende, aber süsse Kinder, und es scheint ihnen immerzu die Sonne aus den Hintern zu scheinen.

Sie ist berufstätig, er auch, und sie unterstützen sich grossartig gegenseitig, was Arbeit und Familie angeht. Sie haben viele Freunde und sind beide unabhängig voneinander spannende und witzige Menschen.

Ich nahm Hanna mal in einer ruhigen Minute zur Seite, um herauszukitzeln, was ihr Erfolgsgeheimnis ist. Irgendwas müssen die beiden offensichtlich besser machen als andere!

Nun, sie sagte mir nichts Neues, ehrlich gesagt. Unabhängig bleiben, aber trotzdem verbunden. Kompromissbereit sein, ehrlich, und den Anderen immer als besten Freund sehen.

Ok, sagte ich. Und Sex?

Ah, Sex? Damit hätten sie aufgehört.

Wie jetzt??! Aufgehört?? Also GANZ?

Ja, meinte sie lächelnd, ganz.

Gut, das war was Neues. Ich war gerade etwas schockgefroren.

Als müsste sie mich trösten, fuhr sie fort. Es sei mit den Jahren ohnehin weniger geworden, das sei ja ganz normal. Sie hätte aber einfach keine Lust mehr gehabt, und dann ehrlich das Gespräch mit ihm gesucht, dass sie es mehr über sich ergehen liess, als dass sie Spass daran hätte.

Das stiess ihn ziemlich vor den Kopf. „So“ wollte er es nicht. Von da an war er blockiert und die Manneskraft verliess ihn zuweilen, im Frust und in der Annahme, sie empfinde keine Lust dabei, was ja nicht ganz verkehrt war.

Nach ein paar entwürdigenden Anläufen und Verrenkungen hörten sie einfach damit auf. Er kam irgendwann mal später mit dem Vorschlag, dass sie sich ja ausserhalb ihrer Beziehung sexuell orientieren könnten. Davon wollte sie nichts hören. Für sich brauchte sie es nicht, und die Vorstellung, er würde mit einer anderen Frau intim sein, quälte sie. Also verwarfen sie diese Idee.

Alles andere funktioniert einwandfrei zwischen den beiden. Sie können miteinander reden, ziehen in der Erziehung am selben Strang, sie lachen über die gleichen Dinge und sind einfach gern zusammen. Das ist ihnen wertvoller als Sex.

Das hat gesessen. Mein Bild vom idealen Paar löste sich innerhalb einer Minute in Staub auf. Und dann sah ich sie hinausgehen, ihr Mann umarmte sie liebevoll und sie lachten beide laut auf. Sie waren eben doch ein grossartiges Paar!

Was ist das nur, dass man nicht über Jahre, bzw. Jahrzehnte wunderbaren, berauschenden, lustvollen Sex haben kann?

Gut, es gibt da ganz praktische, körperliche Komponenten. So hört das Gehirn beispielsweise nach 36 Monaten auf, Substanzen zu produzieren, die uns auf den anderen High machen. Ausserdem erzeugt Reibung Energie. Das heisst, guter Sex will Spannung haben, und das verträgt sich schlecht mit Harmonie. Auf Dauer ist er schlichtweg anstrengend, gerade weil das Hirn irgendwann nicht mehr mithilft mit seinem Hormoncocktail.

Lustlosigkeit ist weit verbreitet in langjährigen Beziehungen. Forscher haben für das Phänomen schon einen Namen gefunden: „Sexuelle Anorexie“. Die Muster sind ähnlich wie bei jeder anderen Sucht – emotionale Distanziertheit, weniger Interesse an seinem Partner und noch weniger Lust, in die Beziehung zu investieren.

Machen Hanna und Adrian alles richtig? Wird Sex überbewertet? Psychologen haben daran ihre Zweifel. Die Sexualität ist ein wichtiges Bindeglied in einer Partnerschaft. Aber die Lust kommt nach ein paar Jahren nicht mehr einfach so von alleine, man muss sie sich erarbeiten. Arbeit und Lust beissen sich aber für viele.

Deswegen gehen auch so viele Menschen fremd. Wäre ja eigentlich eine prima Lösung. Theoretisch. Praktisch, da das Hirn erneut anfängt Hormone zu produzieren, bedroht es die Beziehung aber massiv.

Ein Weg, sich wieder näher zu kommen, ist sich bewusst wieder toll finden zu wollen. Psychologen nennen das „positive Illusion“. Füreinander da sein, sich Komplimente machen, den anderen bewusst als Mann, bzw. als Frau wahrnehmen. Und ein bisschen Abstand, immer wieder, tut langjährigen Partnerschaften ebenfalls gut.

So wie früher wird es aber nicht mehr. Und eine Lösung dafür gibt es nicht. Von den Schwierigkeiten der Offenen Beziehung hatten wir es ja schon. Und die Schwierigkeit der langjährigen Partnerschaften ist eben, die Erotik aufrecht zu erhalten.

Also Kämpfen (Sex trainieren) oder Kapitulieren (aufhören, ganz)? Diese Antwort ist nur individuell zu beantworten. Vielleicht ist es ja für die einen oder anderen ja beruhigend, dass diese Frage fast alle langjährigen Paare beschäftigt.

Bild Flickr CC by scion_cho

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