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Schrei ins Aus

Oktober 12, 2018

Hach, ich fahre wieder mal Zug! Da ich nicht ständig mit den ÖV unterwegs bin, geniesse ich mein Leben als Temporär-Pendlerin sehr. Da geht ja die Post ab in diesen Transportmitteln!!

Gespräche, Slapstick, Flirts, Streit, Jööös und Wääks. Alles da!

Ich war grad wieder in den Zug gestiegen, als ein Kontrolleur mein Abteil betrat und ich stolz wie eine 6jährige mein Handy zückte, um zu zeigen, wie gut und problemlos ich mein Ticket runtergeladen habe.  Bis zu mir kam er vorerst aber nicht.

Gut 3 Meter entfernt hielt der Kontrolleur sich nämlich mit einem Herren auf, der offensichtlich kein Ticket hatte. In hölzernem englisch polterte der Beamte, IN JÖR CÖNTRI JU HÄF TU BUY Ä TICKET TUU!!

Ups. Nicht schön, das mit dem „jör Cöntri“. Wo war mein Popcorn? Denn es schaltete sich sofort der Sitznachbar ein. „Langsam, langsam!“ rief er aus. „Der Herr hat kein Ticket, er ist Tourist, er versteht es nicht!“ Tourist! Polterte der Kontrolleur, das sei doch keine Entschuldigung, man brauche immer ein Ticket. Auf der ganzen Welt!

Und der Sitznachbar legte los. Er brüllte regelrecht: „DAS IST EIN TOURIST! LANGSAM! GEBEN SIE IHM DIE BUSSE UND FERTIG“ und er hörte nicht mehr auf. Er pöbelte gegen den Kontrolleur, immer weiter, und schrie im Abteil herum.

Wieso gab es hier kein Popcorn?

Was als gute Tat begann, sich nämlich für den Tourist einzusetzen, kippte rasch in die erstbeste Möglichkeit, seinen Frust in die Welt hinauszuschreien.

Doch es kam noch dicker.

Die Dame neben mir, mit Wimpernextensions, üppig geschminkt und auf 10cm hohen Absätzen, stöckelte aus dem Nichts heraus forschen Schrittes ins besagte Abteil, und schrie den pöbelnden Sitznachbar an.

„HÖR AUF ZU SCHREIEN! DU REGST UNS ALLE AUF! LASS DEN KONTROLLEUR SEINEN JOB MACHEN!“

Der Typ bellte natürlich zurück, und die Dame schrie unerschrocken weiter: HÖR AUF ZU SCHREIEN! Rief sie. Schreiend.

Boah. Die Dame hatte Eier. Oder auch wieder nicht. Denn wäre sie aufgestanden und hätte das alles ganz normal gesagt, hätte ich ihr von meinem imaginären Popcorn abgegeben uns sie zu ihrer Zivilcourage beglückwünscht.

Durch ihr Geschrei hatte sie aber ihren  Einsatz selbst torpediert.

Haben die Menschen auch nur die leiseste Ahnung, wie armselig Schreien wirkt?

Gandhi erklärte mal ganz schön, dass Leute einander anschreien, weil sich ihre Herzen voneinander entfernen und sie rufen müssen, um diese Distanz zu überwinden.

Nun, ich glaube nicht, dass der Kontrolleur und die Wimpernfrau ihre Herzen nah beieinander wissen wollten. Ich glaube vielmehr, dass einige Menschen Dinge viel zu persönlich nehmen. Und zwar so, dass sie sich angegriffen fühlen, auch wenn ihnen niemand etwas anhaben will, was dazu führt, dass sie um sich schlagen und beissen wie ein verletztes Tier.

Ein verletztes Tier ist in einer ziemlich schwachen Position.

Egal, ob es sich um Herzen handelt, die sich entfernt haben (vielleicht dann noch mehr), oder um Alltagskonflikte mit wildfremden Menschen – Sachlichkeit hilft.  Man sollte sich selbst nicht so wahnsinnig ins Zentrum stellen, sondern eben den Sachverhalt.

Leidenschaft ist eine schöne Sache, Empathie sowieso, aber das sollte man positiv ausleben. Muss man sogar, denn im Negativen verliert es alles, was gut daran ist.

Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass Schwierigkeiten keine Probleme sind. Schwierigkeiten sind Aufgaben, die man lösen muss. Schreiend und tobend verliert man aber den Kopf und hat keine Übersicht mehr darüber, wie man die Lösung herbeiführt.

In der Ruhe liegt die Kraft. Und dort, wo man nicht selber ständig im Zentrum ist.

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